Sie befinden sich hier: AWO Aktuell / Aktuelle Meldungen / Ein Tag in der Fachstelle für Integration und Migration: Gespräch mit Migrationssozialberater Dirk Heinke 

Inhalt

Ein Tag in der Fachstelle für Integration und Migration: Gespräch mit Migrationssozialberater Dirk Heinke

Dirk_Heinke_C_lak_Kirstin Wulf.jpg

Datum: 24.05.2020

Autorinnen: Berthe Jentzsch /Kirstin Wulf Landesarmutskonferenz Berlin

Dirk Heinke, 49, studierter Diplom-Pädagoge, arbeitet seit 12 Jahren in der Migrationsberatung und ist seit fast 14 Jahren bei der AWO.


Hallo Dirk, Du arbeitest in der AWO Fachstelle für Integration und Migration in Berlin Schöneberg. Dort bietet Ihr Beratung für erwachsene Zuwanderer an. Wer kommt zu euch und wie könnt ihr den Menschen helfen? 
Zu uns kommen Menschen aus allen Ländern meist zu Beginn ihres Aufenthaltes in Deutschland. Dabei sind die Gründe ihres Hierseins ganz unterschiedlich. Und so ist es auch mit ihrem rechtlichen Aufenthaltsstatus. Unsere Aufgabe besteht darin, ihnen zunächst zu erklären, wie unsere Verwaltung funktioniert und wo sie was beantragen oder klären müssen. Denen, die sprachlich noch nicht so weit sind, helfen wir mit Schreiben und Formularen, da das Verwaltungsdeutsch immer wieder eine große Hürde darstellt. Wenn die Behörden nicht so beraten, wie sie es eigentlich sollten, dann sind wir ebenfalls zur Stelle. Nicht selten planen wir gemeinsam die konkreten Schritte in ein selbständiges Leben. Darum geht es ja eigentlich. 

Welche Schwierigkeiten gilt es dabei zu überwinden?
Nicht wenige Menschen – insbesondere die aus der EU – müssen sich ihr Recht auf Überleben in Deutschland erst einmal über eine Tätigkeit als Selbstständige oder Beschäftigte zumindest in einem Minijob erwerben. Viele bleiben anfangs in einer Schleife aus fehlendem Wohnraum, fehlendem Job, fehlender Krankenversicherung und fehlender Existenzsicherung gefangen. Die Zugangsbarrieren von Unionsbürger*innen zu Jobcentern und Arbeitsagenturen sind zudem recht hoch. Sprachmittler*innen sind beispielsweise kaum auf in der EU gesprochene Amtssprachen ausgerichtet.

Seit Beginn der Corona-Krise wurde eure Beratungsstelle für Präsenzberatung geschlossen. Was hat sich seit dem Auftreten der Pandemie in eurer Arbeit geändert?
Statt des üblichen Publikumsverkehrs klingelt jetzt natürlich viel häufiger das Telefon, der Mailverkehr multipliziert sich und die direkte Kommunikation unter Kolleg*innen ist erschwert. Bei mir ist es so, dass ich seit Beginn der Corona-Sondersituation so viele Briefe an Ratsuchende geschickt habe, wie in den letzten Jahren zusammen nicht. Viele haben zu Hause keine Möglichkeit, Anträge etc. auszudrucken, der Zugang zu Copyshops ist schwierig und für Leistungsempfänger*innen auch sehr teuer.

Sehr schwer ist es, fernmündlich Dinge z. B. mit Jobcentern zu klären. Aus Gründen des Datenschutzes dürfen sie ohne vorherige mündliche Zustimmung nicht mit uns über unsere Ratsuchenden sprechen. Vor Corona saßen die Menschen neben uns, gaben die Zustimmung und es gelang uns viel leichter, Dinge zu klären.

Sprache – ob per Telefon, Brief, Mail oder im Gespräch – spielt für deine Arbeit eine große Rolle. Wie finden sich Ratsuchende mit wenig oder eingeschränkten Deutschkenntnissen im Berliner „Bürokratie-Dschungel“ zurecht?
Für mich ist es weiterhin so, dass sich Verwaltungen auf die realen Gegebenheiten einstellen müssen. Im Jahr 2020 ist die „Amtssprache Deutsch“ in ihrer aktuellen Anwendung nicht mehr zeitgemäß, vor allem nicht in der Einwanderungsgesellschaft. Es müssen viel mehr Sprachmittler*innen mit breiterem Sprachangebot eingesetzt werden. Nicht zuletzt kann hier auch ein relevanter Arbeitsmarkt für etliche Menschen aus der Zielgruppe unserer Beratungsdienste entstehen.

Was müsste hier deiner Meinung nach geändert werden?
Das Fordern und Fördern muss wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Wir haben mit Menschen zu tun, die neu nach Deutschland kommen, deren Zugang zum Arbeitsmarkt nicht immer direkt gelingt. Hier gibt es die Dimension Sprache, Unterschiedlichkeiten der Ausbildungssysteme, bedrückende Lebenssituationen z. B. in Wohnheimen. Das Fördern muss klarer an der Situation ansetzten. Die Bedarfe, Bedürfnisse und Wünsche müssen genauer erhoben werden und Planungen wirklich gemeinsam stattfinden, nicht in der oft verordneten Form der Eingliederungsvereinbarungen.

Wo müsste man ansetzten, um die Situation Neu-Zugewanderter zu verbessern?
Eine Herkulesaufgabe scheint mir die Bedeutung der Sprache in der Arbeitswelt. Hier muss ein enormer kultureller Wandel stattfinden. Es fehlt Deutschland vielfach an Fachkräften. Diese Bedarfe können nicht mit einwandernden Personen mit fertigen deutschen Abschlüssen und hohem Sprachniveau gedeckt werden. Menschen brauchen Zeit. Wenn sie diese Zeit aber außerhalb des Arbeitsmarkts oder unter ihrer eigentlichen Qualifikation verbringen, so gehen der Gesellschaft wie auch den betroffenen Menschen Kompetenzen durch Dequalifizierung verloren.

Ich würde mir auch wünschen, dass Beratung Neu-Zugewanderter in dem Maß ausgebaut wird, in dem sie benötigt wird. Ich wünsche mir, dass Migrationsberatungen mit Mitteln ausgestattet werden, um angemessene Gehälter bezahlen und sehr gute Arbeitsbedingungen sicher stellen zu können. Es sollte auch in allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung bekannt sein, dass es solche Beratungen gibt, auf uns hingewiesen und eine enge Kooperationen mit uns gesucht werden.

(Ursprung des Textes war Dirk Heinkes Interview mit der Landesarmutskonferenz Berlin am 24. April 2020. Dirk Heinke engagiert sich dort in der Fachgruppe Migration. Nach einem zweiten, ergänzenden Interview mit Berthe Jentzsch entstand dieser Teil der Serie „Ein Tag in….“. In Zeiten von Corona wird die Serie in Interviewform fortgesetzt.)

(Bildnachweis: Landesarmutskonferenz Berlin // Kirstin Wulf)