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Wir fordern die Positionierung für ein bezirkliches Alpha-Bündnis in Friedrichshain-Kreuzberg

Die „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016-2026“ der Bundesregierung verfolgt das Ziel, die Lese- und Schreibkompetenzen sowie das Grundbildungsniveau Erwachsener in Deutschland anzuheben. Im Rahmen dieser Dekade wurde eine Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung, ins Leben gerufen, die in Berlin durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit der Senatsstrategie ‚Grundbildung fördern-Teilhabe stärken‘ umgesetzt wird. Auf dieser Grundlage sollen in Berlin flächendeckend Alpha-Bündnisse gegründet werden.

Eine deutschlandweite Untersuchung, der sogenannten LEO-Studie (Prof. Grotlüschen, Universität Hamburg, 2011) ergab, dass 14,5 % der erwachsenen Bevölkerung im Alter von 18-64 Jahren funktionale Analphabet*innen sind. Damit kann eine erschreckend hohe Zahl von Menschen zwar einzelne Wörter und Sätze lesen und schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte lesen, verstehen oder schreiben. Für den Bezirk Berlin Friedrichshain-Kreuzberg heruntergebrochen bedeutet das eine Zahl von ca. 32.000 funktionalen Analphabet*innen. Entsprechend der Volkshochschulstatistik durch Reichart und Huntemann (2007) konnte identifiziert werden, dass bisher nur 1 % der Betroffenen Angebote besuchen, um besser Lesen und Schreiben zu lernen. Die Zielgruppe ist von großer Heterogenität gekennzeichnet.

Lernende, die den Weg in eine Bildungseinrichtung gefunden haben, berichten immer wieder von dem Unverständnis, auf das sie gestoßen sind, wenn sie um Unterstützung gebeten haben und häufig auch von äußerst diskriminierenden, verachtenden Erfahrungen. Sie fühlen sich oftmals an den Rand gedrängt und leiden unter dem Gefühl, in unserer Gesellschaft nicht dazuzugehören oder ausgeschlossen zu werden. Ein Gegenüber, das von ihrer Existenz nichts weiß oder sie gar verneint, löst häufig Ängste aus.

Welche Unterstützung wünschen sich Erwachsene, die ihre Lese- und Schreibkenntnisse verbessern möchten?

Die jahrelange praktische Erfahrung und Begleitung von funktionalen Analphabet*innen verdeutlicht die Bedarfe der Zielgruppe.

  • Beratungsstellen und Jobcenter müssen Kenntnisse über Beratungsangebote und Faktenwissen über den funktionalen Analphabetismus haben
  • Alle Partner*innen müssen sensibilisiert sein für den Umgang mit Situationen, in denen ihre Kund*innen nicht ausreichend Lesen und Schreiben können
  • Die Öffentlichkeit muss über die Ursachen von funktionalem Analphabetismus aufgeklärt werden, da immer noch das vorherrschende Klischee existiert, funktionale Analphabet*innen seien faul und/oder dumm.
  • In den Bezirken müssen Netzwerke geschaffen werden, um konkrete Einrichtungen und Lernangebote empfehlen zu können.
  • Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg werden unterschiedliche Lernorte benötigt, niedrigschwellige, gut erreichbare Angebote für verschiedene Zielgruppen anzubieten. Alphabetisierung und Grundbildung sind Querschnittsthemen, die eine ressortübergreifende Zusammenarbeit dringend erfordern. Das Thema betrifft nicht nur den Bildungsbereich sondern verschiedene Handlungsfelder, wie Gesundheit, Justiz, Politik, Arbeit, Familie, Kultur und Engagement.

Was leistet ein Alpha-Bündnis?

Das Alpha-Bündnis ist ein Zusammenschluss von bezirklichen Akteuren, mit dem Ziel, den Betroffenen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Durch die Gründung eines bezirklichen Alpha-Bündnisses wird ein öffentlicher Diskurs zum Thema „funktionaler Analphabetismus“ initiiert, der dazu beiträgt, die immer noch große Scham von funktionalen Analphabet*innen, nicht ausreichend Lesen und Schreiben zu können, zu verringern. Um diesem Ziel und dieser Aufgabe gerecht zu werden ist eine professionelle Netzwerkkoordination unumgänglich.

Dabei kommt auch der Öffentlichkeitsarbeit im Bezirk auf verschiedenen Ebenen eine tragende Rolle zu, um auf die Situation von Menschen, die eingeschränkt lesen und schreiben können, aufmerksam zu machen und dahingehend zu sensibilisieren. Durch die Arbeit des Bündnisses wird das Thema Alphabetisierung in bereits bestehende Beratungsstrukturen eingebettet. Die Öffentlichkeitsarbeit und die Sensibilisierung für das Thema tragen zur Enttabuisierung bei und stärken zugleich die Möglichkeiten einer besseren gesellschaftlichen Teilhabe der Betroffenen.

Der erleichterte Zugang für die Betroffenen zu Angeboten der Alphabetisierung und Grundbildung als auch die Sensibilität der gesellschaftlichen Akteure sind essentielle Voraussetzungen für die gesellschaftliche Teilhabe im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Eine ressortübergreifende Zusammenarbeit in dem bezirklichen Alpha-Bündnis wird die Akteure sensibilisieren aber auch in Kooperation mit Schulen frühzeitige Prävention leisten.

Aus den positiven Erfahrungen der Alpha-Bündnisse in Neukölln und Spandau erwarten wir auch für Friedrichshain – Kreuzberg durch Gründung eines Alpha-Bündnisses das Erreichen einer breiten Öffentlichkeit, die Verankerung der Thematik in der sozialen Arbeit des Bezirkes und vor allem einen Dialog mit Lernenden und Betroffenen.

Die Arbeiterwohlfahrt Landesverband Berlin e.V., die Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Berlin Spree-Wuhle e.V., der Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe e.V. sowie die Jobassistenz Friedrichshain-Kreuzberg, fordern die Verantwortlichen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg auf, den Aufbau und die Begleitung eines bezirklichen Alpha-Bündnisses zu unterstützen sowie ausreichende Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Dazu bieten wir uns als kompetente Ansprechpartner*innen an.

Die Stellungnahme finden sie hier!

Stellungnahme_Alpha-Bündnis.pdf

Dateigröße: 0,11 MB, application/pdf