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Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege fordern einen unabhängigen Innovationsfonds für die Berliner Jugendhilfe

Berlin, 11. September 2019

Zur Berlin Premiere des Films „Systemsprenger“ am Mittwoch hatte die LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Berlin (LIGA Berlin) zu einer Podiumsdiskussion geladen. 450 Gäste, vorwiegend Vertreter*innen von Trägern und Verbänden aus dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, kamen in der Berliner Kulturbrauerei zusammen. Von Seiten der LIGA Berlin wurde ein unabhängiger Innovationsfonds auf Landesebene gefordert.

In der Fachwelt werden verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, die das soziale Hilfesystem unserer Gesellschaft nicht mehr auffangen kann, häufig als „Systemsprenger“ bezeichnet. Die Zahl dieser jungen Menschen, die Eltern genauso wie Schule, Jugendämter und Hilfseinrichtungen heraus- und überfordern, nimmt zu. Sie wandern von Institution zu Institution – oft ohne die passende Hilfe zu bekommen. In ihrem gleichnamigen Debütfilm erzählt die Regisseurin Nora Fingscheidt in eindrucksvollen Bildern von der neunjährigen „Systemsprengerin“ Benni. Der Film berührt, erschüttert und wirft Fragen auf. Zur diesjährigen Berlinale wurde er mit dem Silbernen Bären / Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet. Im August wurde zudem bekannt, dass „Systemsprenger“ für Deutschland ins Oscar-Rennen in der Kategorie „International Feature Film“ gehen wird.

Die Kinder- und Jugendhilfe in Berlin steht seit Jahren vor enormen Herausforderungen. Nicht nur die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen steigt, auch die Anforderungen an die Betreuung wachsen ständig. So gibt es inzwischen Kinder und Jugendliche, die mit den aktuell verfügbaren Betreuungsformen in bspw. Wohngemeinschaften oder familienähnlichen Einrichtungen nicht mehr angemessen betreut werden können.

„Der Film zeigt dem Kinder- und Jugendhilfesystem auf ergreifende Weise seine Grenzen auf. Obwohl dieses System eine breite Palette an unterschiedlichsten Hilfe- und Unterstützungsangeboten für Kinder, Jugendliche und Familien vorweisen kann, kommt es bei Kindern mit besonders schwierigen Lebenslagen immer wieder an sein Limit. Eine Schuldzuweisung gegenüber diesen Kindern durch den Begriff „Systemsprenger“ ist genau das falsche Signal. Kinder brauchen Beziehung und kein System, denn jedes System hat Grenzen. Bei Kindern, die durch sehr schwierige Lebensbedingungen besondere Traumatisierungen erfahren haben, darf die Hilfe weder an der Struktur der Kinder- und Jugendhilfe noch am Geld scheitern“, so Oliver Bürgel, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Landesverband Berlin, und aktueller Vorsitzender der LIGA Berlin.

„Die Angebote der Jugendhilfe müssen so flexibel und individuell gestaltet werden, dass sie allen Kindern und Jugendlichen helfen. Wir setzen uns für eine bessere Finanzierung, mehr innovative Angebote sowie mehr Personal in der Jugendhilfe ein. Jedes Kind und alle Jugendlichen brauchen unsere Unterstützung für eine gute Zukunft. Wir dürfen niemanden aufgeben“, äußert sich Dr. Gabriele Schlimper, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin.

„Benni sprengt alles - aber kein System. Denn da ist kein System von verlässlicher Begleitung, das sie und ihre Mutter befähigt, den Wunsch zu leben "eine ganz normale Familie" zu sein. In Berlin gibt es rund 30 bis 40 Kinder, die mit konventionellen Hilfen nicht mehr erreicht werden. Hier brauchen wir speziell geschulte Einzelfallhelfer, die wir über ein eigens erarbeitetes Schulungskonzept ausbilden und sie übergreifend beschäftigen und tariflich einbinden. Die Erarbeitung eines solchen Curriculums ist durchaus mit der vorhandenen Expertise aller Experten möglich. Der Schlüssel zu einer Lösung liegt in den Menschen, die Beziehungen herstellen und halten können“, gibt Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werks Ber-lin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, zu bedenken.

Die LIGA Berlin fordert daher einen unabhängigen Innovationsfonds auf Landesebene. Dadurch kann die nötige Entwicklung neuer und individueller Betreuungsmöglichkeiten gefördert und eine bessere Vernetzung bestehender Angebote ermöglicht werden. Nur so ist den auch künftig wachsenden Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe wirkungs-voll zu begegnen. Kinder und Jugendliche können damit die Unterstützung erhalten, die ihnen wirklich hilft und die sie dringend brauchen.

Anmerkungen
Wir würden uns über eine Veröffentlichung freuen. Für weitere Informationen, Statements oder Interviewpartner*innen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.
Die LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Berlin besteht aus der Arbei-terwohlfahrt (AWO) Landesverband Berlin, dem Caritasverband für das Erzbistum Berlin, dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin, dem Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, dem DRK Landesverband Berliner Rotes Kreuz sowie der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. In den sozialen Einrichtungen, Diensten und Projekten der LIGA sind in Berlin rund 107.000 hauptamtliche und etwa 53.000 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen tätig. Rund 150.000 Menschen sind zusätzlich persönliche Mitglieder in den Verbänden der LIGA Berlin, die wiederum ca. 1.200 Initiativen und Träger vertreten.

Weitere Informationen und Positionen der LIGA finden Sie unter http://www.ligaberlin.de.

Bildnachweis: Offizielles Kinoplakat Systemsprenger; AWO Landesverband Berlin e. V. // Berthe Jentzsch