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Arm, weil Pflegefall? – Die AWO fordert: Stationäre Pflege darf Betroffene nicht unbegrenzt belasten

18. April 2019
Autorin: Berthe Jentzsch

Der demografische Wandel und Fachkräftemangel stellt die Pflege in Deutschland vor Herausforderungen, die auch Pflegebedürftige immer mehr zu spüren bekommen. Die AWO macht seit Jahren auf die Tatsache aufmerksam, dass alle Kostensteigerungen, die in Pflegeheimen anfallen, bisher allein von den Bewohner*innen übernommen werden müssen. So führen die steigenden Kosten in der Pflege zu einem stetigen Anstieg des Eigenanteils der Versicherten, vor allem im Pflegeheim. Im Bundesdurchschnitt lagen die Kosten, die ein*e Versicherte*r selbst übernehmen musste, bei monatlich durchschnittlich circa 1.750 Euro. Das Absurdum: Zum Ende des Jahres 2017 lag das durchschnittliche Netto-Renteneinkommen in den alten Bundesländern bei monatlich 1.231 Euro und in den neuen Bundesländern bei monatlich 1.169 Euro. Oft hilft Betroffenen da nur der Antrag auf Sozialhilfe.

Ein Grund für diese hohe finanzielle Belastung Pflegebedürftiger liegt u. a. an der Zuschussbegrenzung der Pflegeversicherung. Die 1995 eingeführte Versicherung kann aktuell nicht einmal als Teilkaskoversicherung, wie man es beispielsweise bei einem Auto kennt, gelten. Sie schreibt lediglich einen, nach Pflegegraden gestaffelten, Zuschuss der Pflegekassen gesetzlich vor. Die Zuschüsse werden dabei auf einen bestimmten Höchstbetrag begrenzt. Kosten über diese Deckelung hinaus tragen die pflegebedürftige Menschen allein. In bis dato unbegrenztem Ausmaß. Die Möglichkeit im Alter oder im Falle einer Pflegebedürftigkeit mit enormen und unbegrenzten Kosten konfrontiert zu werden, stellt Menschen vor Existenzängste: Kann ich mir später eine angemessene Pflege leisten? Was passiert bei unerwarteten Schicksalsschlägen? Reicht das Geld für einen Heimplatz?

Die Sorge vor einem mit dem Pflegerisiko verbundenen Armutsrisiko bzw. der Notwendigkeit, am Ende des Lebens Sozialhilfe in Anspruch nehmen zu müssen, ist leider nicht unbegründet. Schon jetzt beziehen in Deutschland rund 300.000 Bewohner*innen stationärer Pflegeeinrichtungen (37 %) und rund 77.000 Pflegebedürftige (3 %), die zu Hause versorgt werden, Hilfe zur Pflege als Leistung der Sozialhilfe.

Besonders in der stationären Pflege ist, wie diese Zahlen zeigen, der finanzielle Druck auf Bedürftige groß. Auch in der ambulanten Pflege ist eine Begrenzung des zu tragenden Eigenanteils notwendig.

Die positive und notwendige Entwicklung der besseren Ausbildung und Bezahlung von Pflegekräften wird auch dazu führen, dass die Kosten für Pflegedienste und Pflegeheime rapide steigen.

Die AWO fordert daher: 

  • Die Pflegeversicherungen müssen das finanzielle Risiko für die Menschen mit Pflegebedürftigkeit absichern.
  • Der Eigenanteil, den Pflegebedürftige zahlen, muss in der Höhe begrenzt werden und über die gesamte Dauer der stationären Pflege planbar sein.

In einer erfolgreich beim Deutschen Bundestag eingereichten Petition verleite die AWO diesen Forderungen Nachdruck. „Notwendig ist eine bundeseinheitliche Definition der Kosten, die in der Pflege entstehen. Diese sind den Pflegekassen gesetzlich zuzuweisen und dürfen kein unkalkulierbares finanzielles Risiko für Menschen mit Pflegebedarf darstellen“, so heißt es in der Petition. Über 74.000 gesammelte Unterschriften zeigen, wie wichtig den Bürger*innen dieses Thema ist.


Bildnachweis: AWO Landesverband e. V. / Frank Nürnberger